Kunst in der Auferstehungskirche

Auferstehungskirche Reutlingen mit Text

31.03.2026 bis 30.09.2026
Vernissage 19.04.2026 nach dem Gottesdienst um 10.00 Uhr
 
Auferstehungskirche
Sonnenstraße 92
72760 Reutlingen

 

Wow! Das Team von „Kunst in der AK“ war schwer beeindruckt, als sich ihm – nach mühsamem Treppauf durch das triste Treppenhaus der alten Wagnerfabrik – ein großes Atelier öffnete mit der leuchtend-farbigen Welt von Friedhelm Wolfrat.
 
Wolfrat studierte an der UNI Tübingen im Zeicheninstitut bei Frido Hohberger und ist Meisterschüler von Prof. Markus Lüpertz, stellt seit Jahren im Land, aber auch bundesweit aus und ist Mitglied des Kunstvereins Reutlingen sowie des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart.
 
Aktuell widmet sich der Künstler der abstrakten Malerei. Er lässt ganze Zyklen von Bildern entstehen, in welchen er mit Farben, Formen und Texturen spielt und diese in Beziehung zu einander setzt.
 
Die ausgestellten Werke mit ihren leuchtenden, reinen Farben, die pastose Gestaltung, und das verarbeitete Schlagmetall Gold der untersten Schicht erzeugen ein Leuchten, das selbst im Dämmerlicht den Betrachter fasziniert.
 
„Meine ungemischten Farben drücken meine subjektiven Gefühle in den Farbflächen aus. Ich mische die Farben mit Sand und setze so Schicht über Schicht aufeinander um diesen speziellen Tiefen-Effekt zu erreichen“, erläutert der Künstler.
 
Dekan Marcus Keinath Vorsitzender „Verein für Kirche und Kunst in der Ev. Landeskirche in Württemberg e.V.“ wird die Predigt halten. Zur anschließenden Vernissage sind Sie herzlich eingeladen. Der Künstler wird anwesend sein!
 

Innenraum Auferstehungskirche mit Werken von Friedhelm Wolfrat
 

Predigt zu den Arbeiten von Friedhelm Wolfrat gehalten von Dekan Marcus Keinath

Liebe Gemeinde,

“Who is afraid of red, yellow and blue?” fragte der amerikanische Maler Barnett Newman mit einer gleichnamigen Werkserie Ende der Sechziger Jahre.
„Wer fürchtet sich vor Rot, Gelb und Blau?“ – In der Auferstehungskirche niemand. Schon ein Blick auf das Gelb an der dieser Wand, auf das Blau an den Türen und – wenn Sie sich mal umdrehen und in diese hintere Ecke schauen, dann sehen Sie gar diesen roten Stoffüberzug zusammen mit Gelb und Blau. Die Auferstehungskirche mag es gerne farbig und fürchtet ganz gewiss keine Farbakzente. Übrigens war dies damals vor gut 60 Jahren, als Newman seine Farbfeldmalerei unter diesem Titel schuf, auch an anderer Stelle schon auffallend, die Konzentration auf diese drei Farben, rot, gelb und blau, wenn Sie nur mal kurz an die Chorfenster in der Nikolaikirche oder an die Fenster in der sogenannten Leonhardskapelle in der Marienkirche denken. Beide Ausstattungen stammen von dem Stuttgarter Maler Christian Oehler, der u.a. Mitglied in jenem Württembergischen Kunstverein war, in dem auch Sie, sehr geehrter Herr Wolfrat, Mitglied sind.

War Oehlers Bildsprache ziemlich stringent, so kann man bei einem Blick auf Ihre so umfassende Homepage nur staunen, ob der Vielfalt Ihres Oeuvres. Und angesichts dessen erstaunt es noch viel mehr, dass und wie es Ihnen gelungen ist, hier in der Auferstehungskirche sich absolut zu konzentrieren, letztlich auf drei plus eine Arbeit: Drei Farben und eine edle Perspektive, „Golden Future“ genannt, gemeint ist diese goldfarbene Arbeit hier vorne noch unter der Empore. Sowohl dieser Titel „Golden Future“ als auch die farbliche Gestaltung reizen natürlich einen Theologen. Darauf will ich unbedingt zu sprechen kommen, allerdings zuerst noch etwas bei den anderen Arbeiten, bei Rot, Gelb und Blau verweilen.

Von weitem betrachtet, sehen wir hier diese drei Grundfarben, manchmal auch „reine“ Farben genannt“, etwas näher erkennen wir Farbflecken mit unterschiedlichen Intensitäten, vermuten wir Schichtungen, hellere Töne interessanterweise nicht als oberste Schicht, dunklere vielmehr zeugen vom letzten Arbeitsgang, oder auch genau umgekehrt. Wir sehen, dass die Arbeiten keineswegs monochrom sind, sondern, dass sie in den Zwischenschichten mit den je anderen beiden Farbtönen spielen. Und wir ahnen bereits, dass sie sich alle auf einem Goldgrund entwickeln. Je näher wir kommen, desto reizvoller wird es, die Arbeiten auch ganz von der Seite mit unseren Augen zu untersuchen, weil der Farbauftrag richtig pastos ist, weil sich ganze Farblandschaften erheben. Ungeordnet und doch wohl regelmäßig.
Rot, Gelb und Blau bleiben dabei doch stets Rot, Gelb und Blau, werden nicht wirklich gemischt, ergeben allenfalls in unserer Wahrnehmung Changierungen.
Nein, we are not afraid of red, yellow and blue? Wieso sollten wir auch? Als reine Farben begegnen sie uns doch nur äußerst selten. Erscheint nicht das meiste, was wir sehen, als Mischfarben. Vor knapp hundert Jahren (1927) erfand der „Reichs-Ausschuß für Lieferbedingungen und Gütesicherung“, kurz RAL eine verbindliche Farbsammlung von 40 Farben. Seit 1993 gibt es neues RALFarbabstimmungssystem mit 1.825 Farben. Wenn wir eine Wandfarbe wollen, dann bekommen wir vom Malerhandwerk einen RALCode, und damit eine jederzeit nachmischbare Farbe. Allein schon ein Gang durch unsere Stadt mit all den unzählig-verschiedenen Fassadenfarben zeigt uns, wie sehr wir gemischte Vielfalt praktizieren. Sollten wir davor erschrecken? Allenfalls vor einer immer gleichen Einheitlichkeit. Jeder der mit Farben umgeht, weiß, wie unglaublich vielfältig diese nicht nur gemischt werden können, sondern sie auch erscheinen können, je nach Licht, nach objektiven Einflüssen, aber auch nach Stimmung, nach subjektiven Bedingungen. Bin ich so oder anders gestimmt, sehe ich ein Rot oder ein Blau durchaus verschieden.
Und mit all ihrer Symbolik geht es mir doch ganz genauso. Wie gerne genieße ich beispielsweise die Blaue Stunde, am Übergang vom Tag zur Abenddämmerung, wie gerne sehe ich von weitem auf den Albtrauf, die Mörike einmal die blaue Mauer nannte, doch wie ungern sehe ich Blau beispielsweise in der politischen Farbsymbolik. Das sind meine Empfindungen, höchst persönliche, zu denen auch gehört, dass mich allemal Rot viel mehr anspricht als Blau. Rot finde ich so viel spannender. Ich könnte lang und breit dazu erzählen, so wie auch davon, dass mir gelb eigentlich gar nicht gefällt. Aber nun, was will ich damit nur sagen: Farben entfalten Wirkung und zwar höchst individuell. Und wir alle tun gut daran, uns dies bewusst zu machen. Meine Farben sind nicht deine Farben, doch wäre die Welt längst nicht so bunt, ginge es nur nach meinen Präferenzen.
Ohnehin spannend wird es doch erst, wenn wir näher hinschauen, auch bei diesen drei Arbeiten. Das gehört für mich zum Faszinierenden dieser Arbeiten, dass je nach Abstand unsere Wahrnehmungen sich ändern, dass – so kann ich es von mir jedenfalls sagen – dass ich wirklich hingezogen werde, bis ganz in die allernächste Nähe, so dass mich das Ganze eines Bildes sogar überfordert. Ich lasse mich auf einen Ausschnitt ein und lasse meine Gedanken darin umherziehen, rauf und runter, vor und zurück, links und rechts, voller Bewegung, ohne jede Langeweile, wohl aber mit genussvoller Weile. Denn die Bilder erfordern Zeit, um auch nur annähernd ihr Potenzial zu entfalten.
Und genau deshalb ist es auch so gut, dass es nur diese drei Arbeiten hier an der Wand entlang sind. Grad so viele, dass sie sich nichts wechselseitig nehmen, grad so viele, dass sie wunderbar in die vorgegebene Raumgestaltung, direkt unter den Fenstern passen.

Doch nun sind die drei nicht nur mit ihren drei gleichen Formaten, ihren formal drei gleichen Gestaltungen und ihren drei reinen Farben miteinander verbunden und aufeinander bezogen, sondern auch mit ihrem goldenen Grund.
Und dieser wiederum ist auf der zusätzlichen Arbeit hier vorne besonders inszeniert. Geteilt in zwei horizontale Felder, eines eher glänzend, das andere eher matt schimmernd. Und schließlich auf einem ins obere Feld leicht links platzierten, roten Quadrat noch eine mit Gold überzogene pastose Struktur. Nicht zu übersehen in dieser Ausstellungssituation die Korrespondenz mit den beiden Paramenten, vielleicht sogar auch noch mit dem Hintergrund des Yelin’schen Wandbildes. Ich vermute sehr, dass Sie, sehr geehrter Herr Wolfrat, diese Situation nicht kannten, als Sie ihr Bild „Golden Future“ gemalt haben, aber jetzt ergibt sich hier eine Wechselbeziehung zwischen dem Raum und seiner dauerhaften künstlerischen Ausstattung einerseits und ihrer temporären Ausstellung andererseits.
Kaum eine Kirchenausstattung ohne Gold, wobei das durch die Kirchbau- und Kunstgeschichte hindurch doch sehr unterschiedlich intensiv entfaltet wurde. Unübertroffen sind und bleiben sicherlich Barockkirchen, mit überbordendem Gold, ob nur goldfarben oder mit blattgoldenem Auftrag. Aber auch im streng-lutherischen Kontext kennen wir Gold: Die älteren Semester unter uns erinnern sich sicherlich an die schwarz eingebundenen Gesangbücher oder Bibeln mit Goldschnitt- und Titelprägung.
Freilich haftete der Verwendung von Gold immer schon eine moralische Ambivalenz an. Sollte man denn nicht sehr bescheiden mit diesem teuren Gold umgehen? Sollte man es besser nicht so übertreiben, wie z.B. im Barock? Schon biblisch hat das Gold keine moralisch eindeutige Konnotation. Es gibt etliche Stellen, in denen Gold herhalten musste, um ihm gegenüber noch einmal die Herrlichkeit Gottes zu steigern. Wenn schon Gold ewig und wunderbar glänzend ist, um wie viel größer und leuchtender ist dann Gott selbst, so in etwa geht der Gedanke. Doch im letzten Buch der Bibel, das sich dann wirklich vollkommen der golden future widmet, da taucht das Gold als Himmelsfarbe uneingeschränkt positiv auf. In der Vision vom Himmlischen Jerusalem, die wir sie vorhin in Auszügen als Lesung gehört haben, begegnet uns dieser Ausblick auf eine goldene Stadt. Hier wird sie uns vor Augen gestellt, eine „Golden Future“.

Und ich frage mich: Ist diese „Golden Future“ mehr als eine „golden Fiktion“? Ich sehe, wie wenig die Menschen unserer Tage sich mit einem solch goldenen Ausblick für ihr Leben anfreunden können, wie wenig sie damit rechnen, dass es eine, alle Zeit überdauernde und allen Raum übergreifende Wirklichkeit gibt. Dass es etwas gibt, was wirklich unvergänglich, weil ewig ist.
Selbst wenn der Goldpreis im vergangenen Jahr unglaubliche Höhen an den Märkten erzielte, so hat dies doch so gar keinen Zusammenhang mit unserer symbolischen Betrachtung des Goldes als einem Zeichen weder für eine „golden future“ noch für die Ewigkeit. Doch genau dies ist letztlich die Perspektive, von der der Seher Johannes kündet und worauf im letzten alle biblische Verkündigung hinzielt: Diese Welt, mit all ihren wunderbaren Formen und Farben ist und bleibt eine vergängliche, alles Leben auf dieser Welt ist geprägt von Werden und Vergehen, doch jenseits davon ist etwas in Ewigkeit.
Für uns Christenmenschen ist dies der in der Bibel offenbare Gott, dessen Wort bleibt in Ewigkeit. Sein Wort ist unserer Füße Leuchte, ganz gleich wie hell oder dunkel sonst unsere Pfade sind, wie diese oder jene Farbe leuchtet. Sein Wort ist golden. Luther übrigens hat diesen Psalm, in dem wir die Formulierung vom Gotteswort als unserer Füße Leuchte lesen, als „güldenes ABC“ bezeichnet.
Es ist Gottes Wort, das uns leuchtet, es ist seine Herrlichkeit, die im himmlischen Jerusalem strahlt. Und letztlich ist es dieses Hoffnungsbild, mit und von dem wir schon jetzt leben,
diese „Golden Future“,
— jenseits all unserer Bemühungen und Versäumnisse,
— jenseits all unserer Vorstellungen und Einbildungen,
— jenseits all unserer Vorläufigkeiten und Vergänglichkeiten.
Verheißen ist uns: eine „Golden Future“, in Wort und Bild.
Schauen wir auf sie, mit den Augen unseres Glaubens und verlieren sie nicht aus dem Blick.
Amen.

EG 294, 1.3.4 „Nun sagte Dank und lobt den Herrn“

Fürbittengebet und Vaterunser

Herr, unser Gott, bei aller Erwartung auf deine Ewigkeit, auf die wir als unsere goldene Zukunft vertrauen, leben wir inmitten einer höchst bunten Gegenwart. Wir freuen uns an wunderbaren Farben, die wir jetzt auch wieder vermehrt draußen wahrnehmen, Blumenund Blütenpracht wächst, wir sind berührt von der Farbkraft von Gemälden, von Kunstwerken, wir staunen über eine unglaubliche Vielfalt an Farberscheinungen und -empfindungen.

Doch ein ums andere Mal leiden wir auch unter harten Schwarz-Weiß-Darstellungen, stören uns an zu schlichten Sichtweisen auf das Leben und die Welt. Bewahre uns selbst davor, entweder alles schwarz zu sehen oder alles zu verklären.
Lass uns auch die unglaublich vielen Grautöne des Lebens schätzen. Es gibt doch zig Themen und Debatten, die wir differenzierter sehen können, wenn wir Vielfalt anerkennen. Schenke uns dafür offene Augen, Ohren und Herzen.
Amen.